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Vom „Mein“ zum „Wir“
Moderne pädagogische Konzepte fördern den „Wir-Gedanken“ im Musikum
Ein Beitrag von Mag. Michael Seywald, Musikum-Landesdirektor
„Meine Klasse – mein/e Schüler/in - mein Erfolg“?
Die Identifikation mit dem Bildungsauftrag und mit der pädagogisch-künstlerischen Arbeit ist in allen musikalischen Bildungseinrichtungen wichtig und auch richtig, ja sogar Voraussetzung für ein erfolgreiches, künstlerisches und pädagogisches Wirken. Eine Frage drängt sich mir allerdings auf: Wann beginnt die Einstellung „Mein“ – quasi als „Besitzanspruch“ – problematisch zu werden, und ist diese im Rahmen einer öffentlichen Bildungseinrichtung heute noch adäquat? Probleme beim Lehrerwechsel oder beim Wechseln in eine andere Bildungseinrichtung sowie ungesundes Konkurrenzdenken sind bekannte Folgen dieser Haltung. Vieles hat sich in dieser Hinsicht schon verändert und verbessert.

Im Zuge dieser positiven Veränderung haben wir uns im Musikum diesem Thema gestellt und eine strukturelle Unterstützung für ein gesundes „Mein“ und ein bereicherndes „Wir“ überlegt. Die Aufgabenfelder und die dazu notwendigen Kompetenzen von Musikschullehrenden haben sich in den letzten zehn Jahren enorm erweitert. Die Folge ist, dass es schwieriger geworden ist, für alle Aufgaben die gleich hohe Kompetenz abrufen zu können. Die Anforderungen reichen vom elementaren Musizieren in Kooperationen mit Schulen und Kindergärten bis zum erfolgreichen Musizieren der Schüler/innen etwa bei Wettbewerben. Es geht also um das Beherrschen verschiedenster Formen des Unterrichts: Einzelunterricht, Gruppenunterricht, Klassenunterricht, Teamteaching, Orchester, Ensemble- und Simultanunterricht, flexible und multidimensionale Unterrichtsformen, Projektunterricht usw. All das soll idealerweise durch ein breitgefächertes methodisch-didaktisches Repertoire untermauert sein. Eine weitere Differenzierung von Qualifikationen wird daher in bestimmten Bereichen notwendig werden, wobei die Differenzierung nicht mit Wertungen verbunden ist. Einem teilleistungsschwachen Kind erfolgreich kleine Entwicklungsschritte zu ermöglichen, ist aus unserer Sicht genauso wichtig, wie eine/n Schüler/in zu einem Wettbewerbserfolg zu führen.

Viele der genannten Unterrichtsformen brechen bisher gelebte Grenzen vom „Mein“ auf und führen automatisch zum „Wir“. Im Musikum war es uns wichtig, entsprechende Strukturen und Möglichkeiten zu schaffen, damit das „Mein“ zum „Wir“ werden kann. Hier einige Beispiele:

Lernpartnerschaften und „Aus der Praxis für die Praxis“
Jede und jeder Lehrende am Musikum hat irgendeine besondere Qualität. Um gerade diese Qualitäten zu teilen, die „Schatztruhe“ zu öffnen, wurden die Lernpartnerschaften eingerichtet. Bei diesen ist das Teilen von Wissen und Erfahrung eine Grundhaltung, die zum „Wir“ führt und jeden einzelnen, die Schüler/innen, die Lehrenden und die Bildungseinrichtung stärkt. Auf keinen Fall schwächt diese Grundhaltung, wie manche vermuten, die die eigenen „Rezepte“ aus welchen Gründen auch immer nicht teilen wollen. Die Lehrenden, die eine Lernpartnerschaft eingegangen sind, haben davon enorm profitiert, wie ihre positiven Rückmeldungen zeigen.

Seit vielen Jahren hat sich das Projekt „Aus der Praxis für die Praxis“ der elementaren Musikpädagog/innen bewährt. Hierbei findet ein regelmäßiger Dialog und Austausch zu inhaltlichen, pädagogisch-didaktischen, strategischen und organisatorischen Fragen statt, der Erfahrung mit Neuem sehr gut verbindet.

Open-Space-Konferenzen
Eine weitere Möglichkeit, um in einen Wissensaustausch zu kommen, eröffnet die Diskussion in sogenannten Open-Space-Konferenzen. Lehrende schlagen Themen aus der Unterrichtspraxis vor, zu denen sie sich dann in Fachgruppenkonferenzen austauschen, um voneinander zu lernen. Das hat in einigen Fachgruppen am Musikum bereits Früchte getragen. Die nächsten Schritte sind fachgruppenübergreifende Konferenzen, die das Teilen von Erfahrung und Wissen und die unterschiedlichen Zugänge zu gleichen und ähnlichen Herausforderungen über das Fachgebiet hinaus ermöglichen.

Intensivtage – Wettbewerbe – Musikum Gold
Die Fachgruppen am Musikum führen verschiedenste Formen des Austausches durch, die vom „Mein“ zum „Wir“ führen und trotzdem den Einzelnen stärken. So gestaltet etwa die Fachgruppe Holzbläser Intensivtage, an denen Schüler/innen gemeinschaftlich unterrichtet und gecoacht werden. Ein solcher Tag gliedert sich in mehrere Teile:

1. Unterrichtsteil:
Die Schüler/innen werden von mehreren Lehrenden unterrichtet, auch instrumentenübergreifend, und sie wechseln nach jeweils 30 Minuten die Lehrkraft. Man hört auch bei Kolleg/innen zu, dabei gibt es Möglichkeiten, das Gehörte gleich zu üben. Die Gestaltung wird flexibel gehandhabt.

2. Besprechung:
Themen des Wettbewerbs/der Musikum Gold-Leistungsbeurteilung werden besprochen: Möglichkeiten des Auftritts/Vorspiel in und außerhalb des Schulbetriebes, Auftritt/Abtritt. Erwartungshaltungen von Schüler/innen, Eltern und Lehrenden kommen ebenso zur Sprache wie der Umgang mit dem Feedback der Jury. Zu den unterschiedlichsten Themen rund um das Vorspielen, das Vorbereiten, die Bühnenpräsenz usw. gibt es Hilfestellungen.

3. Vorspiel:
Bühnensituation mit oder ohne Begleitung - alle Musikstücke oder Teile daraus - werden vorgespielt.

4. Gemeinsames Feedback - Lehrende – Schüler/in:
Es folgt eine Rückmeldung an jede/n Schüler/in von allen Lehrenden, aber auch von den Mitschüler/innen. Die Feedbackregeln werden vorher besprochen, und viele wichtige Facetten eines konstruktiven Feedbacks werden als „Nebenwirkung“ gleichsam geübt.

Diese Form des „Wir“ hat sich besonders bewährt, alle Teilnehmenden können voneinander lernen. Eine besondere Qualität ergibt sich durch das Zuhören und das gegenseitige Feedbackgeben der Schüler/innen, denn dies schärft die Beobachtungsgabe und fördert das Artikulieren von Qualität. Nebenbei lernen die jungen Menschen auch, wie man eine konstruktive und wertschätzende Kritik formuliert. Sie erhalten dabei eine „gesunde“ Einstellung, um mit den „Eigenheiten“ eines Musikwettbewerbs gut umgehen zu können.

Flexible Unterrichtsformen – Kombiunterricht
Der Kombiunterricht ermöglicht den Lehrenden eine zeitlich flexible Einteilung von Einzel- und Gruppenunterricht. Vor allem in den Gruppenunterrichten wird das „Wir“ gestärkt. Werden Kombiunterrichte klassenübergreifend geführt, das heißt zwei oder mehrere Lehrende übernehmen Verantwortung für die unterrichteten Schüler/innen, steht die gemeinsame Verantwortung der Lehrenden für die Schüler/innen im Mittelpunkt.

Workshops für Organisationsentwicklung in den Schulen
Besonders großen Wert legen wir auf eine ständige Weiterentwicklung des Musikum und der einzelnen Schulen mit deren regionalen Bedürfnissen. Alle wesentlichen Entwicklungsschritte werden in den einzelnen Sprengeln mit ihren unterschiedlichen Gegebenheiten gemeinsam gestaltet und tragen letztendlich zu mehr Verantwortung des Einzelnen für das Gesamte bei – auch ein wichtiger Schritt vom „Mein“ zum „Wir“.

Neue übergreifende Schulsprengelstrukturen
Den Teamgedanken führen wir durch Veränderungen unserer Schulstrukturen konsequent weiter. Es wird mehr in Regionen und weniger in Schulsprengeln gedacht und gehandelt. Für mehrere Schulen gibt es nur ein Dienstpostenkontingent, die Verteilung von Stunden wird im Team der Direktoren geplant. Das ermöglicht einen flexibleren Einsatz von bestimmten Angeboten und ein schnelleres Reagieren auf bestimmte Situationen in einer Region.

Die vielen schulübergreifenden Aktivitäten haben die gesamte Region im Blick. Schulübergreifende Leistungsbeurteilungen, Projekte, Konzerte und Schulentwicklungsprozesse stärken die Identität für den gemeinsamen Bildungsauftrag. Die Wahrnehmung von Qualitäten, der pädagogische Austausch und das gemeinsame Handeln führen zu neuen Einstellungen, die den Teamgedanken und die Verantwortlichkeit für eine Region in den Mittelpunkt stellen.

Die Schlusskadenz
Letztlich können die besten Konzepte, Überlegungen und Maßnahmen in der Entwicklung von Organisationen nur dann erfolgreich sein, wenn diese von einer teamorientierten Einstellung getragen sind. Wissen zu teilen, stärkt auch die Person, die es weitergibt. Der Mensch ist für das Miteinander geschaffen, die Menschheit kann auch nur im „Wir“ überleben.

Eine erfolgreiche Karriere hat viele Stationen, viele Mütter und Väter. In diesem Bewusstsein werden wir das Musikum weiterentwickeln immer mit dem Blick auf die Kinder und Jugendlichen, die im Zentrum unserer gemeinsamen Aufmerksamkeit stehen. So können sie sich „ent-wickeln“, um zum innersten Kern ihrer Fähigkeiten zu kommen, und um ihr und das Leben anderer in all seinen Facetten zu bereichern.

„Wissend zu sein, macht uns stark, Wissen zu teilen, macht uns stärker!“
24.04.2019 · Günter Schaufler · Musikum Landesdirektion
Salzburg - Land / Stadt / Gemeinden